Moabiter Kulturtage 2009 - Ausstellung

25.06.2009 - 25.07.2009

Heather Allen, Monika Anselment, Gregor Cürten, Helga Geng, Rudolf Kaltenbach, Sören Krajci, Pascal Maier, Kea Regina Pantel, Pfelder/Jannis Chavakis, Rubén Sánchez Medina, Karen Scheper, Jochen Schneider, Katja Sehl, Veronika Witte

 

Bild zur Ausstellung

Rubén Sánchez Medina

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Karen Scheper

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Gregor Cürten

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Pascal Maier

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Monika Anselment

Traditioneller Weise zeigt die Ausstellung zu den Moabiter Kulturtagen Arbeiten von Moabiter Künstlerinnen und Künstlern aus den unterschiedlichsten Genres und Gattungen. Einen deutlichen Schwerpunkt bilden in diesem Jahr Videoarbeiten von Veronika Witte, Kea Regina Pantel und Pascal Schneider. Bereits in den drei Videoarbeiten kommt die große Bandbreite der künstlerischen Produktion der Ausstellung zum Tragen:

Veronika Wittes Video „Baal“ spielt mit der Konfrontation eines hochpoetischen Bildes und einer bewußt dramatisch konzipierten Präsentation, die klassische Film- und Kinoformate reflektiert. Ein kleiner Junge, der im einsetzenden Regen einen Tanz beginnt, wird durch Momente der Bildverfremdung und der Untermalung mit einer dramatischen Soundschleife zu einem medialen Ereignis überzeichnet, das gleichermaßen Konventionen der Präsentation als auch Besuchererwartungen hinterfragt.

Dagegen vertraut Kea Regina Pantels Arbeit „Expedition“ ganz auf die Überwältigungsstrategien des Kinos, indem sie die Fahrt mit der Videokamera durch einen technoid anmutenden und unklaren Raumkontext zu einer mystischen Geschichte transformiert, in der eigentlich nichts erzählt wird, sondern allein befremdliche Stimmungsbilder und atmosphärische Verdichtungen evoziert werden.

Pascal Meiers „Landschaft“ wiederum generiert aus den Möglichkeiten des Computerspiels und der Erschließung endloser virtueller Räume ein komplexes Bild von Landschaft. Dieses besteht im Grunde nur aus einem einzigen Motiv, das durch eine Verräumlichung der Bilder zu einer furiosen Fahrt durch die scheinbar vertraute Idylle einer Alpengebirgslandschaft transformiert wird.

Weitaus klassischer stehen diesen Videoarbeiten Fotografien, Zeichnungen, Malerei und Skulpturen der weiteren beteiligten KünstlerInnen gegenüber und offenbaren dennoch ebenso weitreichende Reflexionen über Inhalte und Formate:

Monika Anselments Fotoarbeit aus der Reihe „Anmerkungen“ nutzt einen Screenshot aus der Medienberichterstattung über den Irak-Krieg. Wie ein poetisches Bild senkt sich die Nacht als schwarze Bildsequenz über eine Straßenszene in Bagdad. Die optische Einschränkung, hervorgerufen durch die technischen Verfremdungen beim Fotografieren filmisch bewegter Bilder referiert auf romantische Darstellungsmodi und führt so die Frage nach der Wahrhaftigkeit medialer Berichterstattung ad absurdum.

Sören Kraijcis Fotografien stellen dagegen einen eher lokalen Bezug durch die Auswahl von Moabiter Motiven her und zeichnen durch den sensiblen Einsatz der Kamera ein subtiles Bild gesellschaftlicher Gruppierungen. Innerhalb dieser beeindruckend nüchternen wie liebevollen Fotostrecke treten uns bekannte Motive ebenso gegenüber wie Außenseiterfiguren am Rande kollektiver Wahrnehmungen.

Dem Thema der ökonomischen Besetzung des öffentlichen Raums und damit auch der Wahrnehmung unserer unmittelbaren Lebenswirklichkeit widmet sich auch eine Fotoinstallation, die der bildende Künstler Pfelder und der Fotograf Jannis Chavakis gemeinsam erarbeitet haben. Bei Erkundungen im nächtlichen Berlin wurden sie mit der monumentalen Präsenz großformatiger Werbefotografien konfrontiert und haben diese mit einer analogen Mittelformatkamera fotografisch festgehalten. Aus der Kontrastierung der riesigen digitalen Bildformate der Megaposter mit dem hochauflösenden kleinen Format der Original-Ektachrome erklärt sich nicht nur eine Haltung gegenüber der Vereinnahmung des öffentlichen Raums, sondern entsteht gleichermaßen eine künstlerische Reflektion über die Wahrheit des fotografischen Bildes.

Mit seinen großformatigen Malereien nimmt auch Ruben Sanchez-Medina einen unmittelbaren Bezug zu seinem Lebensumfeld. Neben Motiven aus seiner Heimat der Kanarischen Inseln stehen solche, die ihm im Berliner Alltag und in der Nachbarschaft Moabits bildwürdig erscheinen. Gemeinsam ist ihnen die Einbindung in einen im weitesten Sinnen filmischen Kontext durch eine deutliche Referenz auf Filmplakate. So werden die Figuren seiner Bilder gleichermaßen zu bisweilen provokanten Akteuren fiktiver Filmhandlungen und als solche aus dem Kontext des Alltäglichen in einen dezidiert künstlerischen transferiert.

Mit gleicher Distanz zu den kollektiven Medien der Erinnerung und aus einer dezidiert subjektiven Perspektive generiert das Bild „Risse II“ des Malers Gregor Cürten eine betont repräsentative Referenz auf das Privatfoto und entreisst es durch großformatige malerische Adaption der Beschaulichkeit des privaten Raums. Aus einzelnen Bruchstücken scheinbar wieder zusammengefügt, erinnert die künstlerische Transformation nicht nur an die individuelle Bedeutung von Fotografien, sondern arbeitet gezielt mit dem Moment der Irritation und lokalisiert Fotogeschichte so originär in der Geschichte der Gesellschaft.

Eine deutliche Referenz auf die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts stellt dagegen Katja Sehl mit ihrer zweiteiligen Arbeit „typhoon“ her, die den mittleren Ausstellungssaal bestimmt. Im Prozess zahlreicher Schichtungen gelingt ihr ein Bild historischer Sedimentierungen, das im gleichen Moment einer radikalen Bearbeitung unterworfen wird. Durch Abschleifen und immer wieder erneutes Hinzufügen adaptiert sie das Format der Collage an aktuelle malerische Fragestellungen.

Deutlich interdisziplinärer ist der Bogen gespannt, den Karen Scheper in ihren collagierten Zeichnungen ausbreitet. Aus der Auseinandersetzung mit utopischer Literatur entstehen in zeichnerischen Prozessen künstlerische Vergegenwärtigungen sowohl an der Schnittstelle von Literatur und Kunst, als auch an jener zwischen intellektueller Reflexion und freier künstlerischer Invention. Ausgehend von räumlichen Dimensionen, die die literarischen Vorlagen eröffnen, kreisen die zeichnerischen Annäherungen Felder inhaltlicher und formaler Bezüge in einer subjektiven Topographie ein.

Jochen Schneider präsentiert im Rahmen der Ausstellung eine Serie von freien Zeichnungen, die Formen und Volumina auf der Fläche des Blattes auf ihre bildnerischen Funktionen hin untersuchen. Im Vexierspiel zwischen formaler Behauptung und zeichnerischer Auflösung der Bildmotive entstehen Blätter von äußerster Sensibilität, die zuvörderst durch ihre hohe ästhetische Qualität gefangen nehmen.

Gleiches gilt für die filigranen Farbstiftzeichnungen von Helga Geng, die keinerlei motivische Bildwelt entfalten, sondern aus der äußersten Reduktion auf die zeichnerische Linie und das bewusste Setzen von Farben ihre Bildwirkung entfalten. In einem beinahe kontemplativen Entstehungsprozess fließen Stimmungen, emotionale Regungen und persönlichste Gedanken in die unmittelbare zeichnerische Umsetzung ein.

Zwei bildhauerische Positionen runden die diesjährige Ausstellung zu den Moabiter Kulturtagen ab: Mit Rudolf Kaltenbachs konzeptuell angelegten Bodenarbeiten findet die klassische Steinskulptur eine aktuelle Transformation und rückt sie in die Nähe gegenwärtiger medialer Instrumente. Wie auf einem Spielfeld ordnen sich geometrische Grundformen zu einem disponiblen Bild und suggerieren interaktive Qualitäten. Größte Ordnung und Durchdringung formaler Elemente kennzeichnen diese Arbeiten, deren technischer Herstellungsprozess ganz bewusst in Szene gesetzt wird und die Frage nach der Authentizität bildhauerischen Handelns reflektiert.

Dem gegenüber hat Heather Allen eigens für die Ausstellung eine neue Installation entwickelt, die ihre menschlichen Figurinen in einem architektonisch-räumlichen Kontext positioniert. In enger Beziehung zu den architektonischen Koordinaten des Galerieraums entwickeln die durchgehend schwarzen Figuren aus Wachs ein irritierendes Spiel mit verkehrten Maßstäblichkeiten und hinterfragen so - nicht ohne ironische Distanz – sowohl die Präsenz menschlicher Figuren in der Gegenwartskunst als auch das klassische Rezeptionsverhalten von Ausstellungsbesuchern, die plötzlich von Beobachtern zu Beobachteten werden.

Ralf F. Hartmann


Der Jury gehörten an:
Prof. Francis Zeischegg, Kunsthochschule Halle - Burg Giebichenstein
Dr. Frank Knape, Mitglied im Ausschuss für Bildung und Kultur Mitte
Sabine Bojasch, Künstlerin Dodo-Haus
Anna-Lena Meisenberg und Luzie Meyer, Schülerinnen des Menzel-Gymnasiums
Dr. Ralf F. Hartmann, Künstlerischer Leiter Galerie Nord.


Hinweis: Diese Ausstellung ist bereits beendet!





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