Querformat

Landschaft in der Perspektive zeitgenössischer KünstlerInnen

11.02.2009 - 14.03.2009

Monika Anselment, Isabel Banal, Sylvia Henrich, Hanneke van der Hoeven, Friederike Jokisch, Stefan Hurtig/Sebastian Mühl, Heidi Sill, Norbert Wiesneth

 

Bild zur Ausstellung

Sylvia Henrich

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Norbert Wiesneth

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Heidi Sill

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Friederike Jokisch

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Isabel Banal

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Monika Anselment

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Stefan Hurtig/Sebastian Mühl

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Hanneke van der Hoeven

"Gorleben - noch eine Sehnsuchtslandschaft?" titelte der Marburger Kunsthistoriker Hans-Joachim Kunst 1979 einen kleinen Band über das niedersächsische Wendland, in dem er nicht nur die ökologischen, sondern auch die kulturellen Gefahren der Endlagerung atomaren Mülls in einer traditionell agrarisch geprägten Kulturlandschaft thematisierte. Die Antinomie der beiden Begriffe Gorleben und Sehnsucht brachte das problematische Verhältnis zwischen Utopie und Verlust explizit auf den Punkt.
30 Jahre später sind wir daran gewöhnt, Landschaft nicht nur als multiple Konstruktion aus kulturellen, politischen und ökonomischen Faktoren zu begreifen, sondern als eine verschwindende Ressource unserer eigenen Sehnsüchte. Angesichts stetig beschleunigter Naturzerstörung, unübersehbarer Folgen der globalen Erderwärmung und fortschreitender Urbanisierung der Welt wird immer deutlicher, dass von Landschaft in absehbarer Zeit nur noch die auf sie gerichteten Projektionen übrig bleiben werden. Die Gewissheit der Endlichkeit schrieb sich seit dem Beginn der Moderne auch in die künstlerische Landschaftsdarstellung immer konsequenter ein und ließ aus dem ehedem utopischen Ort ein ebenso bedrohtes wie bedrohliches Szenario werden.
Um so symptomatischer ist es, dass sich zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler vor diesem Hintergrund mehr denn je eines klassischen Genres der Kunst annehmen und weniger der verschwindenden Schönheit auf die Spur zu kommen versuchen, als vielmehr aus einer dezidiert künstlerischen Perspektive unserem problematischen Umgang mit dem, was wir Landschaft nennen.
Die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung verbindet jenseits aller grundlegenden Skepsis gegenüber den verheißungsvollen Utopien, wie sie über Generationen das Thema mit Projektionen überformt haben, die Frage nach dem Einfluss der Kunst auf das kollektive Bild von Landschaft. Sie thematisieren die kulturellen Einschreibungen, wie sie insbesondere die bildende Kunst befördert hat und Landschaftsdarstellungen so zu symbolisch überhöhten Schauplätzen gesellschaftlicher Prozesse machte.
Landschaft avanciert in den acht künstlerischen Positionen der Ausstellung nicht nur zu einem apokalyptischen "Garten des Menschlichen", in dem ausgebeutet und nutzbar gemacht wird, sondern gleichermaßen zu einem künstlerischen Aktionsraum, in dem optimiert, angepasst und überarbeitet wird. Filmische Strategien, romantische Aufladung und Kritik der Landschaftszerstörung spielen dabei eine ebenso maßgebliche Rolle wie die Ausweitung des Landschaftsbegriffes über seine eigentlichen Koordinaten hinaus in andere Bereiche unserer Wahrnehmung.
Mit einer dreiteiligen Fotoarbeit thematisiert die Berliner Künstlerin Monika Anselment das klassische Format der Bildpostkarte als kollektives Kommunikationsmedium über Landschaft. Im Fall des Berchtesgadener Lands und des Obersalzbergs sondiert sie die historischen Einschreibungen aus der NS-Zeit in eine Landschaft jenseits der bis heute überwiegend touristischen Wahrnehmung.
Die konzeptuelle Arbeit »sense revelar« der Künstlerin Isabel Banal aus Barcelona zeigt unentwickelte Filmrollen in großformatigen Objektrahmen. Unter präzisem, schriftlich vermerktem Hinweis auf die aufgenommenen Orte ihrer katalanischen Heimatregion, der Gegend um Olot, problematisiert sie die Aneignung einer Landschaft mit dem Medium der Fotografie und stellt dessen Signifikanz für unsere medial geprägte subjektive Wahrnehmung zur Diskussion.
Die Berlinerin Sylvia Henrich beschäftigt der kunstgeschichtliche Einfluss auf die touristische Wahrnehmung von Landschaft. Anhand einer historischen Matrix mit romantischen Ansichten der berühmten Wasserfälle von Terni wird die künstlerische Überformung dieses »idyllischen Naturschauspiels« im 19. Jahrhundert im Rahmen einer medialen Installation in ein dialektisches Verhältnis zu seiner bis heute künstlichen Konstruktion gestellt, die sich – modernen Zeitstrukturierungsnotwendigkeiten entsprechend – in einem präzisen Wasserfall-Fahrplan veranschaulicht.
Mit den klassischen Medien der Landschaftsdarstellung nähert sich die niederländische Malerin und Grafikerin Hanneke van der Hoeven einem bedrückenden Bildmotiv im Norden Russlands. Das weitläufige und bis heute abgeriegelte Hafengebiet der 1916 gegründeten Militärstadt Murmansk gilt aufgrund seiner unüberschaubaren Menge verschrotteter U-Boote als größtes Atommüllager der Welt. Im ständigen Wechsel der Gezeiten boten sich der Künstlerin gleichermaßen idyllische wie gespenstische Szenarien für ihre Tintenzeichnungen und Gouachen.
Vergleichbare Wahrnehmungsebenen schreiben sich in die großformatigen Pastellzeichnungen der jungen Leipziger Malerin Friederike Jokisch ein. Allerdings konstruiert sie ihre apokalyptisch anmutenden Landschaften nicht nur aus Motiven der mitteldeutschen Tagebaulandschaft, sondern reichert sie mit imaginären Bildideen an, die bisweilen an altdeutsche Malerei und militärische Schlachtformationen der frühen Neuzeit erinnern. Die klassischen Landschaftsmotive mutieren in den menschenleeren Bildern mitunter zu dramatischen Akteuren auf dem operativen Feld der
Malerei.
In ihrer ebenso einfachen wie komplexen Videoarbeit »Wall of fame« bringen die beiden jungen Leipziger Medienkünstler Sebastian Mühl und Stefan Hurtig Kunst und Landschaft auf ungewöhnliche Weise in einer filmischen Inszenierung zusammen: Der Blick der rotierenden Kamera auf eine nächtliche Parkszene streift immer wieder eine in der Landschaft positionierte Wand, die sukzessive ihrer Grafitti-Bemalung durch Übertünchen beraubt wird. Nicht das Bild von, sondern das Bild in der Landschaft wird im Reset-Verfahren zu einem Void, einem blinden Fleck innerhalb der kulturellen Aneignung von Natur.
In den komplexen zeichnerischen Arbeiten der Serie »traces« entwickelt die in Berlin lebende Künstlerin Heidi Sill eine analytische Topographie des menschlichen Körpers. Mit der Präzision eines Landvermessers erfasst sie Höhen und Tiefen anatomischer Landschaften und entwirft in feinsten Lineaturen eine Kartographie von Gesichtern, die durch Verwundungen und Deformationen gekennzeichnet sind. Analog zur klassisch-zeichnerischen Auseinandersetzung mit der Naturlandschaft treten auf der zuletzt ungegenständlichen Bildfläche einzelne Motive in den Vordergrund, während sich andere in einem filigranen Netzwerk zu verflüchtigen scheinen. So entsteht eine vollkommen entkörperlichte humane Landschaft, in der die letzten Rudimente des Motivischen unkenntlich und kulturelle Einschreibungen sichtbar werden.
Die leer geräumte Weite der italienischen Po-Ebene mit ihren industriellen Pappelpflanzungen und agrarisch genutzten Flächen bildet den Ausgangspunkt für Norbert Wiesneths fotografische Annäherung an das Thema Landschaft im Status ihrer radikalsten kulturellen Überformung. Der Berliner Künstler schickt seinen großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien die Geschichte Phaetons und seiner Schwestern der Heliaden voraus, wie sie Ovid in seinen Metamorphosen erzählt. Aus Trauer über Phaetons Sturz weinten sie sich zu Tode, ihre Tränen wurden zu Bernsteinen, sie selbst aber von den Göttern in Pappeln verwandelt. Wiesneths streng angelegte Fotografien folgen nicht nur solchen mythologischen Spuren, sondern reflektieren auch spätere kulturelle Einschreibungen, wie sie die Industrielandschaft durch die Ästhetik italienischer Filme des 20. Jahrhunderts erfahren hat.

kuratiert von Ralf F. Hartmann


Mit freundlicher Unterstützung des Institut Ramon Llull für katalanische Sprache und Kultur



Hinweis: Diese Ausstellung ist bereits beendet!


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